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"verbindlich leben" (J. Schmidt)

"[...] Hier soll nicht dem Aushalten um jeden Preis das Wort geredet werden, aber ebenso wenig dem Preisgeben ohne Mühe. Hier soll nicht die >Fiktion der Dauer< um des Scheins willen verteidigt werden, aber auch nicht eine >Fiktion der Lösung<. [...] Verbindlichkeit ist keine Tugend, vielmehr ein politischer Begriff. Denn der Grad an Verbindlichkeit zeigt an, wie weit einer die Welt wahrnimmt, wie bewusst er in ihr lebt und wie er sich ihren Konflikten zu stellen in der Lage ist.

Auf dem Düsseldorfer Kirchentag des Jahres 1973 sagte Dorothee Sölle: >Heute erfahren viele die Welt als einen Supermarkt, konzentriert und geistesabwesend zugleich schieben sie ihren Wagen durch die Gänge, der Tod der Beziehungslosigkeit beherrscht die Szene.< Und: >Nicht das Abschiednehmen von einer Stufe des Lebens fällt uns schwer; für viele wird es überhaupt unmöglich, einen Zustand zu erreichen, in dem Wörter wie Abschied und Schmerz noch einen Sinn haben. Die Beziehungslosigkeit als das allesbeherrschende Totsein lässt den einzelnen Schmerz, der bitter und süß schmeckt, gar nicht erst aufkommen.< 

[...]Das Mittelmaß wurde zur neuen Messlatte, das Jein statt Ja und Nein, das Sowohl-als-auch satt des Entweder-oder, die Ausgewogenheit statt der Kritik, die Apathie statt der Leidenschaft. Wenn Menschen wie Sachen werden, über die man beliebig verfügen kann, die man hat oder eben nicht, zu denen man steht oder die man wegwirft, so muss das zwangsläufig auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen Auswirkungen haben. Dann werden auch sie unverbindlich, belanglos, langweilig und mittelmässig.

Um es in einem Bild zu sagen, das selber schon wieder ein Stück gesellschaftlicher Realität wiedergibt und ein Mosaikstein im großen Bild >Unverbindlichkeit< darstellt: Unsere Gesellschaft gleicht einer großen Party, auf der man kommen und gehen kann, wie es beliebt. Mit dem Sekt- oder Bierglas in der Hand steht man gelangweilt in den Gängen oder führt hier und da einen >Plausch<. Gesagt wird eigentlich nichts, aber das Geschwätz kommt nicht zum Verstummen, um einer selbst willen hält es sich ständig in Gang. Über dies und das spricht man, plaudert über Geschäfte, tauscht Stammtisch-Politik aus, spricht gern über Abwesende und hinter ihrem Rücken. Man möchte dazugehören, will gesehen werden, und die große Langeweile schiebt sich die Häppchen in den Mund; man hält sich bei Laune, Jeder passt auf jeden auf, alle passen sich allem an. Man braucht keinen Standpunkt, man will ja weiter kommen.

Verbindlichkeit dagegen wäre leidenschaftliches Engagement, wäre der Versuch wenigstens Gedanken und Taten, Reden und Tun zu einer Einheit zu bringen, wäre Klarheit der Überzeugungen, die Fehler mit eingeschlossen, aber auch das Bekennen solcher Fehler. Auch Verbindlichkeit schließt Kompromisse, niemals aber mit dem Tod, was vor allem heißt, mit Leben tötenden Verhältnissen. Verbindlichkeit will sich festlegen lassen, beim Wort genommen werden, und wird deshalb verletzbar. Menschen werden ihr nicht zu Objekten, zum Spiel ihrer Launen. Sie nimmt ihr Gegenüber ernst und ist bereit, mit ihm gemeinsam, Konflikte auszuhalten und durchzustehen.

Mit den Widersprüchen unserer Gesellschaft, mit ihren Jeins und Sowohl-als-auchs lässt sich auf Dauer nicht leben."

8.11.08 13:50
 


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